Schlüssel zur Zukunft

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Eine Rede von Aktivist und Poetry-Slammer Björn H. Katzur anlässlich der Übergabe des Schlüssels zur Zukunft vor dem Deutschen Bundestag im Rahmen der Rise-Up Rebellionswoche:

“Red Rebels” übergeben den Schlüssel zur Zukunft

Dies ist der Schlüsse nur Zukunft. Die Zukunft kommt so oder so, aber wir haben es in der Hand, eine gute Zukunft zu galten. Sie uns zu erschließen.

Was ist aus der Zukunft geworden? Früher war die Zukunft doch mal deutlich besser?

In den fünfziger Jahren geboren, musste ich mir nicht die Sorgen um die Zukunft machen, die ich jetzt habe. Es gab allerdings schon in den Fünfzigern erste Prognosen, dass wir die Atmosphäre schädlich verändern. Die Raumfahrt zeigte uns mit Außenblick die Zerbrechlichkeit der Erde, der Club of Rome in den Siebzigern die Grenzen des Wachstums. Und der Ölkonzern Exxon wusste 1982 intern von der Enderwärmung, die auf uns zukommen würde, und jetzt da ist.

So bin ich, ein Jahr vorher geboren, mit einer anderen Zukunft aufgewachsen. Terminatoren, Biff Tannon, schmutzigen fabrikartigen Raumschiffen mit Aliens drin, Blade Runner und der Matrix. Es ist schwer, sich von dieser düsteren Visionen der Zukunft zu lösen und noch zu hoffen. Wir können uns leichter das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus.

Während uns dieses Wirtschaftssystem in den Fünfzigern wie ein Segen, wie ein Wunder erschien, zerstört die Trennung von Arbeit und Besitz immer schneller und schneller Menschen, die Welt- und jede Hoffnung.

Wir müssen dieses Wachstum des Wachstums willen, den Profit des Profits willen hinter uns lassen. Das Kapitel des Kapitals abschließen. Und uns eine neue Zukunft erschließen.

Der Schlüssel zu dieser neuen Zukunft besteht aus sieben Teilen: Energiewende, Verkehrswende, Bauwende, Agrarwende, Industriewende, Konsumwende und Grundgesetzänderung zu einer nachhaltigen, sozial-ökologischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.

Vielleicht fühlt sich manches erst wie ein Verzicht an, wenn wir aufhören, die Natur und andere Menschen für unseren Lebenswandel auszurauben. Unser Leben muss sich aber wandeln! Es ist kein Verzicht, es ist ein Gewinn zukünftige Lebensgrundlagen zu sichern. Für uns. Für alle

Für mich stehen alle diese Schlüsselpunkte unter dem Oberbegriff des Degrowth. Post-Wachstum zu deutsch, was ich etwas schade finde, “Degrowth” klingt irgendwie passender, ein entwachsen. Wir müssen dem Zwang des “immer mehr”, “immer schneller”, “immer so weiter” entwachsen. Wie Kinder, die schmerzhaft lernen müssen, dass nicht alle Bedürfnisse sofort gestillt werden können, ist dieses geistige, emotionale Wachstum das einzige Wachstum, das wir als Gesellschaft jetzt brauchen!

Energiewende: Die Technologien, die uns jetzt bereits retten können, dürfen nicht unter dem Stichwort ,,Green Economy” in dieselbe Falle tappen wie der Kapitalismus bisher. Wir brauchen nicht mehr von neuen, emissionsfreien Technologien und andere neue Ideen, um den entstandenen Schaden zu lindern, um unsere Grundbedürfnisse, die Grundbedürfnisse aller Menschen weltweit zu stillen. Wie Einstein bereits sagte: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.”

Verkehrswende: Fortbewegung kann auf so viele Arten gedacht werden. E-Autos werden uns nicht retten, wenn sie dann immer mehr werden, jeder Haushalt zwei davon hat, die meistens herumstehen und sonst als Viersitzer von nur einer Person bewegt werden. Auch E-Autos kosten Ressourcen, Arbeitszeit und Energie.

Wenn wir dem Wachstum entwachsen, müssen wir weniger arbeiten, weniger pendeln. Reisen können wieder entspannt verlaufen. Wir erinnern uns an Goethes Italien-Reise. Goethes “Kurztrip nach Rom” wäre wohl kaum fünf Seiten wert gewesen.

Bauwende: Wir können in Einklang mit der Natur bauen. Mit Baustoffen, die natürlich kühlen und wärmen. Mit Bepflanzungen, die CO₂ abbauen, statt mit Baumaterialien, die es erzeugen. Leerstände für Menschen nutzen, statt sie der Spekulation zu überlassen.

Ein eigens Haus ist toll, aber wie viele Villen brauchen reiche Menschen, bis sie endlich einmal “angekommen” sind?

Agrarwende: Wir ringen der Erde bereits mehr ab als wir brauchen. Je mehr wir uns – speziell im globalen Norden – pflanzlich ernähren, desto mehr ist für alle da. Mehr Essen, mehr Wasser. “Mein Gemüse musste erst durch ein Schwein laufen, höhö”. Weil ich nicht fies sein will, verkneife ich mir da meist die Antwort, aber denke dran, dass so ein Schweinegebiss auch Menschenknochen locker zermahlen könnte.

Es sollte nicht mehr die Frage sein: “Vegan oder normal?” Vegan muss normal sein!

Wir können gutes, gesundes Essen anbauen, ohne Böden auszumergeln, zu vergiften und Regenwald für Viehfutter abzubrennen. Wenn wir weniger arbeiten, brauchen wir weniger Fast Food und Lieferungen, wir können selbst gesund kochen und Reste verarbeiten. Wir haben weniger Stress, der den schlimmsten Scheiß in unsere Mägen treibt.

Industriewende: Auch die Industrie darf sich endlich erholen. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts revoltiert sie, das kann doch keiner mehr mit ansehen. Gönnen wir ihr die Rente, schrumpfen sie auf ein Maß, das uns alle versorgt. Auch sie muss weniger arbeiten und das dann bitte sauber.

Konsumwende: Es ist alles viel zu viel! Verbrauchsgegenstände, die eh meist nur herumliegen, können wir ohne Probleme gemeinsam benutzen. Reparatur statt geplanter Obsoleszenz, dann sind nur Weltraum-Milliardäre bald obsolet.

Konsum an Dingen, Konsum an Informationen. Übergriffige Werbung, die erst Bedürfnisse schafft. Und wieviele Streaming-Dienste braucht es noch, bis ich nach einem anstrengenden Tag wirklich erholt bin? Wie kann ich mich auf das Hochwasser konzentrieren, wenn ich mir gleich danach um Pferde bei Olympia Sorgen machen muss und um Currywürste in Kantinen?

Ich brauche nicht ständig neue Unterhaltung, noch mehr Gegenstände, um Kontakt in den sozialen Medien zu halten, wenn der echte Kontakt darunter leidet.

Grundgesetzänderung zu einer nachhaltigen, sozial-ökologischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung mit Vorrang für Umwelt- und Klimaschutz! Es wäre schon ein Anfang, das Grundgesetz anzuwenden. Artikel 20, der Erhalt der zukünftigen Lebensgrundlagen muss durchgesetzt werden.

Wie das Grundgesetz derzeit noch immer das Eigentum bei allem mitdenkt, muss es in Zukunft Lebensgrundlagen überall mitdenken. Bereits jetzt sollte Eigentum verpflichten. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

Bürger*innenräte müssen unabhängige Einzelentscheidungen treffen, die verpflichtend umgesetzt werden!

Dies sind die Teile des Schlüssels zur Zukunft. Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, müssen wir uns die Hoffnung auf eine neue, bessere, gerechtere Zukunft erschaffen.

Wir sind die Menschen, die eine bessere Zukunft wollen. Die nicht mehr davon träumen, sondern uns verzweifelt nach ihr sehnen, weil alles andere eine Katastrophe ist. Wir müssen demonstrieren, rebellieren, an eine bessere Zukunft glauben und mit dieser Hoffnung andere Menschen anstecken.

Wir sind derzeit an einem Tiefpunkt. Lasst uns dafür sorgen, dass es der absolute Tiefpunkt ist, bevor es wieder aufwärts geht. Bevor wir die Klimakatastrophe bremsen und ihre schlimmsten Auswirkungen noch stoppen.

Vielleicht mussten wir erst so tief fallen, um wieder aufzustehen – und uns die Zukunft ganz neu zu erschließen!

Rede: “Schlüssel zur Zukunft” – Björn H. Katzur